Bußpredigt des Pfarrers Lic. Friedrich Winter/Kölschhausen
nach der Pogromnacht (16. November 1938) über Daniel 9, 4 - 6, 18
Predigtheft von Pfarrer Friedrich Winter im Besitz von Pfarrer Dietrich Winter. Die Predigt wurde aus dem handschrift- lichen Original transkribiert. Die Zusätze in [] sind einer Nachschrift Friedrich Winters aus dem Jahre 1945 entnommen.

Liebe Gemeinde

Israel war in der Verbannung, die Heimat lag wüst, Jerusalem zerstört, der Tempel in Trümmern. Es war Gottes Gericht über ein ungehorsames Volk. Sie hatten von den Propheten das Wort Gottes gehört,
["Könige, Fürsten, Väter und alles Volk"] aber sie haben es nicht hören wollen, sie beteten andere Götter an und haben Gottes Gebot verachtet. Das hat der Prophet vor Augen. Könnte er nicht hingehen und sagen: du Volk bist an deinem Elend selber schuld? Nun siehe zu! Wir haben es dir gesagt, du Volk hast nicht hören wollen. Aber das tut der Prophet nicht. Was er an dem Volke sieht, treibt ihn zur Buße: "ich bekannte", so heißt es von ihm, nicht ihr, sondern wir haben gesündigt, sagt er. Können wir den Landesbuß- und Bettag anders begehen als in dieser Haltung? Der Blick geht auf das Volk, das Land; er muß uns zur Buße treiben.


I.
Blick auf unser Volk, nicht vorbei an der großen Not.
[Unser Volk ist von dem lebendigen Gott abgefallen.] Der Unglaube muß jeden Christen tief schmerzen. Wohl Glaube an Gott, aber eingebildete Götter, Götzen und Götzenglaube, nicht der Glaube an den lebendigen Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs in Christus, [sondern den Gott, den der Mensch in seinen Gedanken und nach seinen Wünschen sich selber macht, das Götzenbild.] Feindschaft und innere Leere gegen den Christenglauben nimmt zu, Feind- schaft und Verachtung des Wortes Gottes. Bauen auf den Menschen mit seiner Macht, keine Knechte. Die Bestrafung der Pfarrer der bekennenden Kirche, die um den Frieden zu beten anordneten (hier ist die Gebetsliturgie der bekennenden Kirche vom September 1938 angesprochen, d. Hg.). Der Schmerz über unser Volk, weil es in den Abgrund rennt. Jeremia 2, 13 ["So spricht der Herr: Mein Volk tut eine zwiefache Sünde: mich, die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich hie und da ausgehauene Brunnen, die doch löcherig sind und kein Wasser geben".]

Darum: unser Volk will nichts mehr wissen von Gottes Gebot. Finsternis regiert: die Unsittlichkeit, Triebe, Genießen. Die eigene Umgebung! Lebensfreude. Jesaia 5, 21 + 22
["Weh denen, die bei sich selbst weise sind und halten sich selbst für klug! Weh denen, die Helden sind, Wein zu saufen, und Krieger in Völlerei"].

Die Unwahrhaftigkeit, (die Lügenmacht - ist durchgestrichen, d. Hg.) von oben und von unten, (die Macht der Lüge - ist durchgestrichen, d. Hg.), es ist eine finstere Gewalt, die damit Herr über unser Volk wird. Jesaia 5, 18 + 20
["Weh denen, die Böses gut und Gutes böse heißen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen".]

Die Triebe gehen ohne Halten durch (daß selbst unsere staatliche Regierung sie nicht halten kann - Klammersatz durchgestrichen, d. Hg.), die Rachsucht: der Abwehrkampf gegen das Judentum: nun Synagogen.
[Ist es nicht furchtbar, an Gotteshäusern, auch eines fremden Glaubens und eines fremden Volkes, aber doch eben an Gotteshäuser Hand anzulegen?] Als Christen muß es uns tief schmerzen, daß unser Volk soweit heruntergekommen ist. Die Mächte der Finsternis herrschen, dämonische Gewalten, weil es von Gott abgefallen ist. Das Volk der Reformation, es hat es anders gewußt (Propheten! - durchgestrichen, d. Hg., statt dessen:) im Worte durch die Propheten.


II.
In dem wir dies sehen, denken wir an den Propheten. Er hat gesehen und bekannt: "Wir haben gesündigt". Wir sehen mit Schmerzen den Unglauben. Wir erkennen und bekennen, daß wir, die Gemeinde, daran schuldig und mitschuldig geworden sind durch unseren eigenen Unglauben. Blick nicht auf das Volk, sondern auf die Christenheit, auf unsere Gemeinde, auf Dich und mich. Welche Rolle spielt Gott in unserem Leben? Bauen wir wirklich auf ihn, auf sein Wort? Verlangt uns danach? Die Gottesdienste sind der Beweis! Welche Rolle spielt das eigene Ich mit seinem Rufen, vielleicht frommen Rufen? Lebst Du von der Gnade, oder verherrlichst Dich nicht daneben? Dies gilt für die Kirche und den einzelnen. Gilt es nicht erst recht von uns: "Wir gehorchten nicht. . . " es ist uns gesagt. Ist das nicht noch schlimmer, weil wir's richtig wissen, wie es sein sollte? Auf dieser Linie sprechen wir von dem Unglauben des Volkes: "Wir haben gesündigt". Wir sehen unser Volk den dämonischen Gewalten ausgeliefert, je mehr es sich dem Gericht (der Gnade? - schwer leserlich, d. Hg.) Gottes und seines Willens, seiner Gebote entzieht.

Die Triebe regieren. Und wir? Wir kennen sie, wer von uns war nicht unter ihrer Gewalt? Wir halten Gottes Gebote für recht und schärfen sie der Jugend ein, aber nehmen wir sie ernst? Nehmen wir den Kampf auf? Nicht daß die Gewalten da sind, ist unser Schmerz, sie sind eine Tatsache. Aber daß wir sie regieren lassen und damit Gottes Herrschaft und Jesu Sieg verleugnen, läßt uns wegen dieser Not bekennen: "Wir haben gesündigt".

So ist es mit allen Gewalten, zum Beispiel auch mit der Macht der Lüge.
[Sind wir nicht unter die Gewalt der Lüge in unserem Volke mitverhaftet?] Sind wir nicht mitschuldig durch unser Schweigen? Kennen wir nicht diese Gewalt mit ihrer Macht des Teufels? Wir wollen nicht kämpfen dawider und bezeugen aus unserer eigenen Schuld als die Erlösten des Herrn: "Wir haben gesündigt"

Müssen wir bei der Rachsucht nicht auch an uns denken?
[Geht es uns anders angesichts jener Herr- schaft der Wut und des Zornes, der sich an Gotteshäusern vergriff ?] Müssen wir uns wundern, wenn es so zugeht? Der Schaden ist auch in unseren Gemeinden: [wundert es uns dann, daß also von uns Christen unser Volk nicht eindeutig den Kampf dawider lernt? Und wenn wir Christen zu dem Unglauben unseres Volkes schweigen, wenn wir es gehen lassen, indem wir selber an unserem eigenen Glauben uns genügen lassen, wenn wir nicht immer wieder die Wirklichkeit des lebendigen Gottes bezeugen, der "ein Heiliger und schrecklicher Gott ist", sind wir nicht mit daran schuld, wenn die Ehrfurcht vor Gott so verschwindet, daß man Hand an Gotteshäuser legt?] Wir sind alle schuldig. Die große Sünde, daß wir das so lassen, daß wir das nicht als Sünde erkennen. Feindschaften, Haß, das ist dasselbe im Kleinen, was in unserem Volk im Großen geschah. Wenn sie uns beherrschen, können wir uns dann wundern, daß sie im Volk herrschen? "Wir haben gesündigt" [unrecht getan, sind gottlos gewesen und abtrünnig geworden; wir sind von deinen Geboten und Rechten gewichen] Daniel 9, 5. Diese Lage treibt uns zur Buße.


III.
In dieser Lage nur ein Weg. Es möge ja keiner den falschen Ausweg suchen zu entrinnen: ich bin nicht dabei, oder: wenn alle sündigten, dann ist es nicht so schlimm. Wir stehen jeder einzeln vor Gott, vor dem "schrecklichen Gott" und nun gilt es auch unter dem Gericht auszuhalten, das in solcher Buße über uns kommt, und weil bei Menschen keine Hilfe ist, uns zu ihm zu wenden, der allein helfen kann: zu Gott selber, so treibt uns die Buße zum Gebet, wie Daniel (V. 4), zum Gebet, in dem es V- 18 heißt:
["Wir liegen vor dir mit unserem Gebet] nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit". Das ist der einzige Weg, der uns bleibt, für Volk, Kirche, einzelne, als die verlorenen Sünder vor Gott, sein Gericht aushalten, ja sagen, bekennen und seine Barmherzigkeit anrufen, Gott bei seinem Wort nehmen. Wir dürfen zu ihm beten in der Schuld, weil er in seinem Wort, in Christus seine Gnade offenbar gemacht hat, denn Gott hat nicht Gefallen am Tode des Gott- losen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe". So wie Israel betete mit Psalm 130 ["Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Herr, höre meine Stimme, laß deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens! So wie du willst, Herr, Sünden zurechnen, Herr, wer wird bestehen? Denn bei dir ist die Vergebung, daß man dich fürchte. Ich harre des Herrn; meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur andern - Israel, hoffe auf den Herrn. Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm, und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden."]

In der Buße hat sich Gott aufgemacht, dir zu helfen und in deiner Not, aber nur in ihr gilt der Ruf: "sei getrost, deine Sünden sind dir vergeben". Einen anderen Weg gibt es nicht. Wer sich nicht durch die Buße unter Gottes Gericht beugt, daß er in dieser tiefsten Not durch die Gnade gerettet werde, den wird Gott einmal unter sein Gericht zwingen, in dem keine Gnade mehr sein wird.

"Laß ihn noch dieses Jahr, sagt der Herr, ob er Frucht bringe, wo nicht, so haue ihn danach ab."   
          Amen.

Herr, wohin sollen wir hingehen mit der Not unseres Herzens; wir schauen die Not unseres Volkes, müssen aber unsere eigene Not und Schuld miterkennen. Wir wollen zu Dir kommen, unsere Sünde bekennen, vor Dir liegen und auf Deine große Barmherzigkeit hoffen. Und hilf uns aufstehen durch Deine Gnade aus der Not, denn Du willst nicht den Tod des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe. Um Jesu willen: erbarme Dich unser.
          Amen.


Literaturangaben
Lit.: Kurt Düwell, Die Rheingebiete in der Judenpolitik des Nationalsozialismus vor 1942. Beitrag zu einer vergleichenden zeitge- schichtlichen Landeskunde, Bonn 1968; Robert Steiner, Die Anfänge des Kirchenkampfes in der Synode Braunfels. Aufzeichnungen aus dem Jahre 1936, Köln 1979 (zur kirchenpolitischen Position Winters); Eberhard Busch, Juden und Christen im Schatten des Dritten Reiches. Ansätze zu einer Kritik des Antisemitismus in der Zeit der Bekennenden Kirche, München 1979; Heinz Lauber, Judenpogrom: "Reichskristallnacht" November 1938 in Großdeutschland. Daten - Fakten - Dokumente - Quellentexte - Thesen und Bewertungen, Gerlingen 1981; Wolfgang Gerlach, Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden, Berlin 1987; Rita Thalmann / Emmanuel Feinermann, Die Kristallnacht, Frankfurt a. M. 1987; Die"Kristallnacht" im Rheinland. Dokumente zum Juden- pogrom im November 1938, eingeleitet und bearb. von Anselm Faust, Düsseldorf 1987, Hermann Graml, Reichskristallnacht. Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, München, 1988; Werner Jochmann, Gesellschaftskrise und Judenfeindschaf- ten Deutschland 1870- 1945, Hamburg 1988; Walter H. Pehle (Hg.), Der Judenpogrom 1938. Von der "Reichskristallnacht" zum Völkermord, Frankfurt a. M. 1988; Günther van Norden, Die evangelische Kirche und die Juden im "Dritten Reich", in KZG 1/1989; Elisabeth Endres, Die gelbe Farbe. Die Entstehung der Judenfeindschaft aus dem Christentum, München 1989; Peter Landesmann, Die Juden und ihre Widersacher, München 1989; Jörg Wollenberg (Hg.), "Niemand war dabei und keiner hat's gewußt". Die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung 1933 - 1945, München 1989; Jochen-Christoph Kaiser, Protestantismus, Diakonie und "Judenfrage" 1933 - 1941, in: VfZ 411989, 673 - 714; Berndt Schaller, Der Reichspogrom 1938 und unsere Kirchen, in: Kirche und Israel. Neukirchener Theologische Zeitschrift 211989; Alte Synagoge Essen (Hg.), Stationen jüdischen Lebens. Von der Emanzipation bis zur Gegenwart, Bonn 1990

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