Kindheit und Jugend - 1902-1921

Friedrich Winter wurde am 29.August 1902 in Innsbruck/Tirol als Sohn des Universitätsprofessors für Archäologie Dr. Franz Winter und der Hedwig, geborenen Conze, als drittes von vier Kindern geboren. In Innsbruck (1902-1905) sowie in Graz (1905-1908) und Straßburg/Elsaß (1908-1913) verbrachte er seine Kindheit. 1913 zog die Familie nach Bonn/Rhein. Hier besuchte er das Städtische Gymnasium und machte 1921 die Reifeprüfung.

Ausbildungszeit - 1921-1930

Den Anstoß, Pfarrer zu werden, empfing er im Konfirmandenunterricht (bei Pfr. Dr. Kremers). "Von da an gab es für mich keine andere Wahl". 1) Seinem Theologiestudium, das er 1921 in Tübingen begann, gab Prof. Adolf Schlatter die entscheidende Richtung: "Unter gar manchen Theologen, die ich hörte, habe ich Professor A. Schlatter in Tübingen am meisten zu verdanken; er hat mir dazu verholfen, zu erkennen, daß unser Platz nicht über der heiligen Schrift ist und unsere Aufgabe und Recht es nicht ist, über die Schrift zu urteilen, sondern daß unser Platz unter der heiligen Schrift und dem Worte Gottes ist, auf daß wir das wahrnehmen, was uns Gott in seinem Worte und in Jesus Christus geschenkt hat." 2)

Weitere Studienorte waren Göttingen, Berlin und Bonn, wo er im Jahr 1926 seine Ausbildung mit der Promotion zum Licentiaten 3) und der ersten theologischen Dienstprüfung abschloss. Seine Licentiatenarbeit machte er bei Prof. H. E. Weber über das Thema: "Gerhard Tersteegen in seinem Verhältnis zur französisch, pietistischen Mystik". Friedrich Winter trat nun in den Dienst der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union-Kirchenprovinz Rheinland (kurz: Rheinische Kirche). Er war Lehrvikar bei Pfarrer D. Dusse in Essen-Rüttenscheid und von 1927-1928 Synodalvikar in Essen. Von seiner Hilfspredigerstelle in Troisdorf aus legte er 1928 die zweite theologische Dienstprüfung ab. Ab Januar 1929 versah er dann den selbständigen Gemeindebezirk Dinslaken-Bruch, wo er anfangs des Monats ordiniert worden war.

Pfarrstelle Kölschhausen - 1930-1939

Im Jahr 1930 wurde Friedrich Winter auf die Pfarrstelle der Landgemeinde Kölschhausen, Kreis Wetzlar/Lahn, in der Synode Braunfels berufen. Dieser Kirchenkreis ist eine Enklave der rheinischen Kirche innerhalb Hessen-Nassaus. Am 25. Mai fand die Einführung statt. Am 1.Oktober heiratete er Erika Dusse aus Essen. Es wurden ihnen die Kinder Ursula (1931), Dietrich (1933) und Magdalene (1936) geboren. Neben der umfang- reichen und von ihm gewissenhaft wahrgenommenen Gemeindearbeit, lag ihm die Pflege des Familienlebens ebenso am Herzen, wie die Sorge fürs Haus und den Garten mit all seinen Früchten und Blumen. Ein offenes Herz und offene Hände hatte er für Notleidende in der Gemeinde und für die, die an die Pfarrhaustüre klopften.

Fast neun Jahre wirkte Pfr. Winter mit großer Freude und Hingabe in der sich neben Kölschhausen auf die vier Filialorte Dreisbach, Niederlemp, Breitenbach und Bechlingen erstreckenden Kirchengemein- de, die damals 1400 Gemeindeglieder zählte. Daneben war ihm die Mitarbeit in der Braunfelser Pfarrerschaft wichtig, deren synodaler Vertrauensmann für den Rüstdienst der rheinischen Bekenntnis- synode er wurde. Rückblickend konnte er später sagen: "Ich bin in mancherlei Gegenden gekommen; aber nirgends habe ich eine Bruderschaft gefunden wie unsere Braunfelser. Da wird nicht nur die Sehnsucht dorthin immer wieder groß, sondern zugleich ist man betrübt, daß es so selten zu finden ist; welcher Segen kann von einer echten Pfarrerbruderschaft für die Brüder und Gemeinden ausgehen." 1)

Das Wirken Friedrich Winters - sowohl in Kölschhausen als auch in der Synode  (Kirchenkreis) Braunfels - in den ersten Monaten nach der Machtergreifung durch die National- sozialisten war geprägt von der Hoffnung auf eine wirkliche Erneuerung der Kirche und des kirchlichen Lebens im Volk. In einem (seiner Bewerbung der Württemberger Kirchenleitung beigefügten) Lebenslauf sagt er: "Politische Interessen habe ich in meinem Amte nicht verfolgt. Ich halte allerdings die Verkündigung des Wortes Gottes und der Gnade in Christus nicht für eine Sache, die losgelöst von dem wirklichen Leben der Kirche, der Gemeinde und des Einzelnen geschehen könnte."

Es war das scheinbar volksmissionarische Anliegen der Bewegung der Deutschen Christen (DC), das Friedrich Winter und nach und nach fast alle seine Amtsbrüder der Synode Braunfels veranlasste, dieser kirchenpolitischen Gruppierung beizutreten. Dazu trat das Argument, dass wenn schon die DC organisatorisch in die Gemeinden hineingetragen werden sollte, man dann die Kontrolle in den Gemeinden selbst in der Hand behalten wollte.

Das war dann auch der Grund, warum Pfarrer Winter 1933 von den Gemeindegliedern gedrängt, wenn nicht genötigt wurde, Mitglied in der NSDAP (Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei) zu wer- den. Er wollte "verhindern, daß unsere Gemeinde in die Hände junger radikaler Elemente der Partei fiel". Er glaubte, dass durch eine starke Mitgliedschaft christlicher Kreise die Partei und ihre Politik in eine vernünftige, tragbare Richtung gebracht werden könne. Als er sich in dieser Hinsicht durch die nationalsozialistische Politik (mit ihren verlogenen Versprechungen) getäuscht sah, brachte er seine Kritik und oppositionelle Einstellung in Versammlungen der Partei und auf dem Stimmzettel (der Abstimmung über Hitlers Politik am 29.März 1936) zum Ausdruck. Er wurde aus der Partei ausgeschlossen. 7)

Schon sehr viel früher - Ende 1933/ Anfang 1934 -, als deutlich wurde, dass die nationalsozialistische Regierung versuchte, 2) nicht nur auf die Struktur, sondern vor allem auch auf die Verkündigung 3) der evangelischen Kirche massiv einzuwirken, trat Friedrich Winter zunächst dem Pfarrernotbund 4) und dann mit der Gemeinde der Organisation der Bekenntniskirche, das heißt der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland 5) bei. Deren Grundlage war die "Theologische Erklärung" 6), die Ende Mai 1934 auf der ersten Bekenntnissynode der Deutschen Ev. Kirche in Barmen verabschiedet worden war. Pfarrer Winter engagierte sich neben seiner Gemeindearbeit weiterhin stark in der Braunfelser Synode, wie er auch Aufgaben in der rheinischen Bekenntniskirche übernahm. So gehörte er von 1935-37 deren vom Staat verbotenen theologischen Prüfungsausschuss an. 

Dadurch geriet er nicht nur in Gegensatz zur (von den Deutschen Christen unterwanderten und kontrollierten offiziellen) Kirchenleitung in Düsseldorf, sondern weckte zunehmend den Argwohn der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Es kam des öfteren zu Hausdurchsuchungen, um Predigten von jungen Theologen zu finden, die sich nur von der Bekenntniskirche prüfen lassen wollten, oder um Kanzelabkündigungen der Bekenntnis- kirche zu beschlagnahmen. Seine Frau versteckte die zu korrigierenden Prüfungsarbeiten meist im Wäscheschrank. Am 16.März 1935 wurde Friedrich Winter zwei Tage in Haft genommen, weil er die Unterschrift

unter eine Erklärung verweigerte, in der er sich zur Nichtverlesung eines Wortes der Bekenntniskirche gegen das von der Partei geförderte "Neuheidentum" verpflichten sollte. Die Gestapo suchte derweil das gesuchte Schriftstück im Pfarrhaus, konnte es aber nicht finden. Seine Frau, die angeboten hatte, mitzusuchen, hatte geistesgegenwärtig die Schreibmaschine auf das entsprechende Papier gestellt. Am 7.November 1937 hielt er in Griedelbach (Kr. Wetzlar) einen Vortrag mit dem Thema: "Rosenberg und die Reformation". Nach einem daraufhin erfolgten zweimaligen Verhör bei der Gestapo wurde gegen ihn und den Ortspfarrer ein Verfahren eröffnet, das dann durch ein Amnestiegesetz vom 13. Mai 1938 niedergeschlagen wurde .

Am 13. November 1938 - nur wenige Tage nach der Reichspogromnacht (9.11.38) - hielt Friedrich Winter vor der Bekenntnis-Kreissynode in Albshausen bei Wetzlar einen Vortrag mit dem Thema "Die Beeinträchtigung des kirchlichen Lebens". Nachdem er zu staatlichen Maßnahmen, die das Leben auf verschiedenen Gebieten der kirchlichen Arbeit behinderten, gesprochen hatte, fügte er seinen Ausführungen noch ein Schlusswort an. Zunächst wies er auf den Herrn der Kirche hin, auf den zu blicken vor "falscher Angst und Unruhe um den Fortbestand der Gemeinde des Herrn" bewahre, um dann fortzufahren: "Alle diese Behinderungen aber bitte ich auch nicht als einzelne unwesentliche Dinge anzusehen; sie zeigen uns die Linie, in der heute marschiert wird, und wir wollen uns klar sein, daß uns noch manches bevorsteht; uns wird der Kampf mit den Feinden nicht erspart. Man sollte denken, es müßte nun auch bald der letzte Mann in den Gemeinden aufwachen und merken, was uns bevorsteht. Obwohl die Sache des Herrn nicht von uns abhängt und wahrlich auch nicht von den Feinden, die sie zerstören wollen, so wollen wir als Älteste und Pfarrer uns klar sein, daß wir dem Kampfe nicht ausweichen dürfen, der uns verordnet ist; daß wir jeden Posten und jede Stellung zu halten haben, solange es geht, und daß wir uns neu einschanzen und neue Wege suchen zur Erbauung der Gemeinde; dazu haben wir das Amt übernommen und es zu führen gelobt."8)

Im Herbst 1938 hatte Pfarrer Winter einen Lehrvikar, Heinrich Kampen, bekommen. Dieser erinnert sich 5o Jahre später an diese Zeit, an den Judenpogrom am 9. November, an den Bußtagsgottesdienst (16. November) und an die Tage unmittelbar vor und nach Friedrich Winters Bußtagspredigt, die ja dann den letzten Anlass gab zur Ausweisung des Kölschhäuser Pfarrers aus seiner Gemeinde:

"Während der Zeit, es waren ja nur Wochen, hatten wir ernste Gespräche. Was soll aus unserer Kirche werden, wie wird sich der Nationalsozialistische Staat verhalten? Täglich war der Kirchenkampf unser Thema. Pfarrer Winter hatte sich wie viele andere, etwa wie auch Niemöller, anfänglich von dem Nationalsozialismus etwas Gutes versprochen. Mit ihm könne doch ein frischer Wind durch die Kirche wehen ... Als ich ihn kennenlernte, war er gründlich kuriert und wollte mit der NS-Bewegung nichts mehr zu tun haben. Aber das ermutigte ihn noch mehr, gegen den Synagogenbrand zu protestieren ... Wir waren erschüttert und tief bewegt und konnten es nicht fassen, daß hin und her im Land die Juden aufgeschreckt, ihre Wohnungen geplündert ... und ihre Synagogen in Brand gesteckt wurden. Wir waren fassungslos. Das war die sogenannte Kristallnacht am 9. November 1938. Darauf folgte der Buß- und Bettag. Bei uns im Dorf war alles ruhig, aber Pfarrer Winter war nicht mehr zu bremsen. Der (Predigt) Text aus Daniel 9 tat sein Übriges. Inzwischen verstanden wir uns wie Brüder; er hatte mir das "Du" angeboten; uns verband ein herzliches Vertrauen, wir wurden Freunde. Er arbeitete an seiner Predigt, und ich kann nur bezeugen, daß er sie geradezu mit Herzblut geschrieben und sich dann auf der Kanzel Luft verschafft hat. Es mußte aus ihm heraus 9).Die natürlicherweise aufkommenden Bedenken wurden sofort erstickt. Etwa: "Wir müssen damit rechnen, daß es auch hier aus dem Dorf heraus bis nach Wetzlar bekannt wird", und "bedenke, Du hast Familie mit drei Kindern". Es war ein Ringen, ich bangte um ihn, und es wurde mir klar, er muß es sagen, ich kann und darf ihn nicht mehr daran hindern ... Dann saß ich unter der Kanzel mit Zittern und Zagen. Es war eine gespannte Aufmerksamkeit, die Gemeinde hing an ihm ... Ein paar Tage blieb es ruhig, und wir gaben uns schon der Hoffnung hin, daß es gut gehen und kein böses Nachspiel geben wird. Aber es war nicht so..."

Am 24. November wurde Friedrich Winter nach Wetzlar bestellt und dort von der Gestapo verhört. Abends erhielt dann seine Frau von dort den telefonischen Bescheid, sie brauche nicht mehr auf ihren Mann zu warten, er sei verhaftet, Näheres könne sie am nächsten Tag erfahren. Besuchen durfte sie ihn allerdings erst zwei Tage später, um ihm das Nötigste an Wäsche mitzubringen. Dass sie den Gottesdienst am Bußtag nicht selbst miterlebt hat, war nicht außergewöhnlich. Die Aufgaben, die mit der Versorgung der Familie einschließlich des Vikars verbunden waren, überlagerten bei ihr viele kirchliche und kirchenpolitische Ereignisse jener Tage. Sie war vor allem nun mit den Folgen konfrontiert, die die mit der Bußtagspredigt verbundenen Ereignisse für die Familie hatten. Die Verhaftung war offiziell vom Landratsamt ausgegangen, doch wohl auf Anzeigen aus unseren Dörfern hin, die wegen der Bußtagspredigt erfolgten. Pfarrer Winter erhob sofort Einspruch gegen den Haftbefehl, in dem ihm vorgeworfen worden war, in der Kirche gegen führende Persönlichkeiten und die NSDAP gehetzt zu haben und das auch weiter tun zu wollen: "Ich erkläre, daß ich weder bisher im genannten Sinn gehetzt habe noch die Absicht habe, dies (in der Kirche) künftig zu tun. Ich verfolge keine politischen Ziele, sondern habe als evangelischer Prediger die Pflicht, den Menschen unter das Wort Gottes, wie es die heilige Schrift uns bezeugt, und seine Wahrheit zu stellen." 10)

Ebenso wurde vom Verteidiger Pfarrer Winters, dem Rechtsanwalt Dr. Schulze zur Wiesche, eine umfangreiche Haftbeschwerde beim Sondergericht in Frankfurt/Main eingereicht. Er nahm auch Rücksprache mit der von Friedrich Winter nur anerkannten vorgesetzten Dienststelle, dem Rat der Bekenntnissynode im Rheinland. Das Sondergericht zog nun eine Haftentlassung Pfarrer Winters in Erwägung, sollte er bereit sein, sich bis zum Ende des Gerichtsverfahrens pfarramtlich nicht zu betätigen. Der Rat der Bekenntnissynode riet ab, auf diese Bedingung einzugehen, wozu sich der Inhaftierte auch nicht bereit gefunden hätte. Er konnte sich aber zu der Erklärung durchringen, bis zum 31.Januar 1939 seine pfarramtliche Tätigkeit ruhen zu lassen und sich bei "seinem sonstigen öffentlichen Auftreten als Pfarrer in politischer Hinsicht größtmögliche Zurückhaltung aufzuerlegen" 11)12) So wurde er am Tag vor Heiligabend aus der Untersuchungshaft entlassen. Der Rat der Bekenntnissynode erteilte ihm bis zum 31. Januar 1939 Erholungsurlaub.

Frau Winter erinnert sich noch gut daran, wie ihr Mann am 23. Dezember von der nächst erreichbaren Telefonzelle aus bei ihr angerufen habe, dass er frei sei und mit dem nächsten Zug nach Ehringshausen fahren werde. Sie machte sich dann sofort auf den Weg und fuhr per Anhalter die vier km lange Strecke nach Ehringshausen, um im Postbus mit ihm zurückzufahren. An der Haltestelle in Kölschhausen drängelten sich die mit aussteigenden Gemeindeglieder an ihnen vorbei nach draußen, um dann einen dichten Kordon um sie zu bilden. So wurden sie bis zum Pfarrhaus geleitet. Sie wollten ihren Pfarrer vor einem befürchteten Zugriff der Gestapo schützen.

Auf den 20. Januar 1939 wird Friedrich Winter zur Berichterstattung über die mit seiner Bußtagspredigt zusammenhängenden Vorgänge auf das Evangelische Konsistorium der Rheinprovinz 13) bestellt, wo er von der Absicht der Gestapo in Kenntnis gesetzt wird, ihn bei Aufnahme seiner Amtstätigkeit ab dem 1. Februar auszuweisen. Ihm wird vorgeschlagen, sich für die Dauer des Gerichtsverfahrens beurlauben und sich vom Konsistorium vorübergehend mit der Verwaltung einer anderen Pfarrstelle betreuen zu lassen. Diesen Vorschlag lehnt Pfarrer Winter nach reiflicher Überlegung und mit voller Rückendeckung durch den Rat der Bekenntnissynode ab. Er kann sich aber nach eingehender Beratung mit Brüdern aus der Braunfelser Pfarrerschaft und mit dem Rat der Bekenntnissynode sowie mit seinem Rechtsanwalt damit einverstanden erklären, auch den Monat Februar über auf die Ausübung seines pfarramtlichen Dienstes in Kölschhausen zu verzichten. 14) Durch Rücksprache bei der Kreisstelle der Gestapo bringt Pfarrer Winter Mitte Februar in Erfahrung, dass sowohl das Konsistorium in Düsseldorf als auch die Staatspolizeistelle in Frankfurt an einer Wiederaufnahme seines Dienstes in Kölschhausen ab dem 1. März 1939 nicht interessiert sind, beziehungsweise, diesen verhindern wollen. Eine dringliche Anfrage richtet nun das Presbyterium an das Evangelische Konsistorium, in dem es erstens seiner Verwunderung darüber Ausdruck gibt, dass ins Leben der Gemeinde einschneidende Maßnahmen ergriffen werden ohne vorherige Anhörung des Presbyteriums, zweitens auf die rechtlich nicht gedeckten Maßnahmen hinweist und schließlich die Kirchenbehörde um Auskunft über den weiteren Weg bittet. 15) Eine letzte Urlaubsverlängerung bis zum 10. März soll es dem Rechtsanwalt ermöglichen, Anfang März mit Vertretern des Presbyteriums zusammen noch einmal bei der Gestapo in Frankfurt vorzusprechen. Offensichtlich konnte auch dies Gespräch nichts bewirken. So kam es schließlich zu einem letzten Versuch, die Gestapo in Frankfurt dazu zu bewegen, Pfarrer Winters Dienstaufnahme in seiner Gemeinde nicht weiter im Wege zu stehen: Das Presbyterium beschloss, durch eine Unterschriftenaktion seine Bitte an die Gestapo zu unterstreichen. Diese Aktion fand am 4.März, einem Freitag, statt und wurde von 88% der Familien getragen. Um die Unterschriftslisten nicht in die falschen Hände der Partei oder Polizei gelangen zu lassen, wurden sie zur Bahnpost in Ehringshausen gebracht.16) Eine Woche später, am Samstag, 12. März 1939, traf der Ausweisungsbefehl der Gestapo 17) ein. Er war auf zwei Tage befristet und betraf das Gebiet des Regierungsbezirks Wiesbaden. Pfarrer Winter und seine Frau trafen sich noch am Samstagabend in Kölschhausen und in den vier Filialdörfern mit den eiligst zusammengerufenen Presbytern, um sich von ihnen zu verabschieden. Am Sonntagmorgen, am 13.März 1939, während die Glocken zum ersten Zeichen für den Gottesdienst läuteten, verließ Pfarrer Winter seine Gemeinde Kölschhausen. Er wollte es nicht auf die letzte Minute ankommen lassen, da er mit dem Motorrad über den Westerwald zunächst nach Bonn zu seiner Mutter fahren wollte und mit - der Jahreszeit entsprechenden - widrigen Straßenverhältnissen rechnen musste. Kölschhausen sah er nicht wieder. In einem an die Gemeinde gerichteten Abschiedsbrief schreibt er unter anderem dies:

"...Zum letzten bitte ich euch: Laßt euch nicht beirren in dem Glaubensweg unter Gottes Wort, weder durch Freunde noch durch Feinde. Gebe der Herr, daß unter euch das Wort der reinen Gnade und des lauteren Evangeliums verkündigt werde; ich bitte euch, den Bruder, der an meiner Stelle am Worte dient, mit Vertrauen und Fürbitte aufzunehmen und beizustehn. Gebe aber der Herr auch, daß ihr das Wort hören möchtet mit offenen Herzen und mit dem heißen Verlangen, daß davon weiß, daß unsere Seligkeit daran hängt. Wir stehen in der Passionszeit. Der Herr hat gesagt, daß der Weg in seiner Nachfolge durchs Leiden geht, gerade so will er uns segnen. Das gilt für jedes Glied und seine ganze Gemeinde. Können wir darin aushalten? Wir nicht mit unserer Kraft, aber der Herr läßt die Seinen nicht los..." 18)

Die Zeit der Wanderschaft - 1939-1940

"Ich bin in meinem Leben viel gewandert." Diese Bemerkung Friedrich Winters am Beginn einer kurzen Schilderung seines Lebens 1) gilt wohl in besonderer Weise für die folgenden Monate. Nach einem kurzen Aufenthalt in Bonn war er zunächst bis Ende August 1939 im Raum Saarbrücken (Köln-Saar 2) und Saarbrücken-Malstatt) mit Vertretungsdiensten unterwegs. Dass eine im April über seinen Rechtsanwalt bei der Zentrale der Geheimen Staatspolizei in Berlin eingelegte Beschwerde gegen die Ausweisungsverfügung dort nicht ankam und ein zweites Mal eingereicht werden mußte, zeigt, dass Post von ihm zensiert und teilweise auch kassiert wurde.

Ab Mitte November 1939 versah er dann (ohne Auftrag durch die offizielle Kirchenleitung) eine 7.300 Gemeindeglieder umfassende Gemeinde in Essen-Karnap, deren beide Pfarrer zur Wehrmacht einberufen worden waren. Dieser Dienst hatte den Vorteil, dass er in der Wohnung der Schwiegermutter in Essen-Bredeney wohnen und sich so öfters mit seiner Frau dort treffen konnte. Am 21.Dezember 1939 folgte Friedrich Winter einem Notruf der Bekennenden Kirche nach Ostpreußen, wo er bis in den Februar des Jahres 1940 blieb. Von Königsberg aus war er als Wanderprediger auf weit auseinander gelegenen Gutshöfen und Dörfern tätig. Das war im extrem kalten Winter 1939/40 ein äußerst strapaziöser Dienst; er wurde vor allem dadurch immer wieder erschwert, dass die Gestapo häufig Post von ihm abfing, und er so gezwungen war, größere Wegstrecken (von den Bahnstationen aus) zu Fuß anstatt mit dem bestellten Pferdeschlitten zurückzulegen. Anschließend an diese Zeit war er bis zum Spätsommer 1940 wieder in Essen-Karnap.

Wartestand: Die Tatsache der staatlicherseits erfolgten Ausweisung war nun für das Konsistorium der rheinischen Kirche Grund genug, ein Verfahren in Gang zu setzen, das die Versetzung Pfarrer Winters in den Wartestand zum Ziel hatte, es sei denn, er ließe sich umgehend auf eine andere Pfarrstelle 3) versetzen. Gegen die angekündigte Versetzung in den Wartestand 4) erhob er sofort Einspruch , dem er zwei Monate später eine ausführliche Beschwerde 5) folgen ließ, die die Grundlosigkeit der angeordneten Verfügung deutlich machen sollte. Praktisch war Friedrich Winter zum 1. Juli 1939 die Pfarrstelle Kölschhausen ohne weitere kirchliche Begründung genommen und er in den einstweiligen Ruhestand (Wartestand) versetzt worden. Wenn auch die rheinische Kirchenleitung ein Jahr später in einem Schreiben an ihn merkwürdigerweise den Anschein zu erwecken versuchte, als ob er "bis zu seiner ordnungsgemäßen Versetzung in ein anderes Pfarramt" formell Inhaber der Pfarrstelle von Kölschhausen bleiben würde.

Sehr bald wurde er ein weiteres Mal von der Gestapo vorgeladen und verhört. Er rechnete damals mit einer erneuten Verhaftung, die aber glücklicherweise ausblieb. Ab September 1939 machte er dann Aushilfsdienste auf dem Hunsrück (u.a. in Laufersweiler) in der Superintendentur Simmern. Zu ihr gehört auch die Gemeinde Dickenschied, deren Pfarrer, Paul Schneider, am 18.Juli 1939 im KZ Buchenwald ermordet worden war. Friedrich Winter nahm von Saarbrücken aus am 21.Juli an dessen Beerdigung in Dickenschied teil. Für den Fall einer Verhaftung durch die Gestapo, den er nicht ausschließen konnte,  hatte er schon einen Brief an seine Frau hinterlassen. Zeitweise hielt er sich auch im elterlichen Haus in Bonn auf.

Familiäre Lage: Frau Winter wohnte während der Zeit der "Wanderschaft" zunächst mit den drei Kindern und dem Hausmädchen weiterhin im Kölschhäuser Pfarrhaus, wo sie von den Gemeindegliedern liebevoll unterstützt wurde. Einige Male traf sie sich mit ihrem Mann für kurze Zeit in einem Hotel nahe der hessennassauischen Grenze, wo sie vor allem mit der Stellensuche verbundene Fragen miteinander besprechen konnten. Finanziert wurden diese Treffen von der Bonner Großmutter. Wie überhaupt die finanzielle Unterstützung durch die Großmütter in Bonn und Essen eine unschätzbare Hilfe waren. Von November 1939 an konnten sie im Haus der Essener Großmutter öfter zusammenkommen. Während solch eines kürzeren Aufenthaltes in Essen erreichte Frau Winter ein dringender Rückruf nach Kölsch- hausen. Dort waren im Pfarrhaus Soldaten einquartiert worden, die sich nicht - wie

vereinbart - mit den zugewiesenen zwei Räumen begnügt, sondern gleich die ganze Wohnung samt Einrichtung in Beschlag und sich entsprechend aufgeführt hatten. So hatten sie dem privaten Holzvorrat kräftig zugesprochen. Ursula, die im zweiten Schuljahr stand, mußte von der Kölschhäuser Schule genommen werden nach der "freundlichen" Bemerkung des Klassenlehrers, sie solle bleiben, wo der Pfeffer wächst. Sie besuchte von Mai 1939 an die Schule in Essen Bredeney, wo sie bei der Großmutter wohnte. Dietrich wurde im Frühjahr 1940 in Bonn eingeschult und wurde bei der dortigen Großmutter untergebracht. Magdalene fand zeitweilig Aufnahme in der Pfarrfamilie Braches in Blas-bach. Auch von der materiellen oder Versorgungsseite her war die Zeit der Ausweisung Pfarrer Winters und der Trennung von seiner Familie für beide Teile belastend und zwar durch die am 21.März 1939 vom Regierungspräsidenten verfügte Sperrung des 6) Staatszuschusses zu seiner Besoldung.

Am 30.September 1939 7) wurde das gegen ihn eingeleitete Gerichtsverfahren eingestellt. Friedrich Winter richtete daher im November 39 die dringende Bitte an das Reichsministerium für kirchliche Ange- legenheiten, nun folgerichtig auch die Sperrung des staatlichen Pfarrbesoldungsanteils aufzuhe- ben und gab dabei zu bedenken, "...daß es für eine Familie mit drei Kindern bei erzwungenermaßen getrenntem Wohnort... keine Kleinigkeit ist, seit sieben Monaten nur den örtlichen Teil des Gehaltes, 80 RM, zu erhalten," und das "ohne daß eine tatsächliche Schuld durch eine Verhandlung festgestellt worden ist..." 8)  Der Reichsminister antwortete Ende März 1940 (!) mit der lapidaren Bemerkung: "Solange die gegen Sie getroffene staatspolizeiliche Maßnahme (Ausweisung) fortbesteht, kann eine Aufhebung der Besoldungssperre nicht in Betracht kommen." 9)

Stellensuche: Sehr bald schon bemühte sich Friedrich Winter darum, eine feste Anstellung möglichst in einer Landgemeinde, die der Bekennenden Kirche angehört, zu finden. Er bat diesbezüglich im Mai 1939 den rheinischen Rat um seine Ansicht und Hilfe 10). Die Hunsrückgemeinde Dickenschied wurde in Erwägung gezogen. Der überraschenderweise an ihn herangetragene Gedanke einer Bewerbung ausgerechnet in dieser Gemeinde beschäftigte ihn stark. Die Sache zerschlug sich dann aber wohl an den berechtigten Bedenken der Gemeinde. Weitere vorübergehende Anstellungsmöglichkeiten hätte es in Ostpreußen oder in der Lippe'schen Landeskirche gegeben, allerdings ohne die Zusage einer künftigen ständigen Pfarrstelle. In diesem Zusammenhang erklärte er im Februar 1940 der rheinischen Kirchenleitung gegenüber, dass ihm bei seiner Verwurzelung in der rheinischen Kirche ein Wechsel zu einer anderen Landeskirche sehr schwer fallen würde. Als aber alle Bemühungen, in der rheinischen Kirche eine Stelle zu finden, ohne Erfolg blieben, sah er im württembergischen Landesbischof Wurm seine letzte Hoffnung. So wendete er sich im Sommer 1940 an einen früheren Bekannten seiner Familie in Bonn, der als Jurist in Stuttgart lebte, und schilderte ihm seine Situation. Dieser fühlte bei  der Leitung der Württembergischen Landeskirche vor und gab dann Friedrich Winter den Rat, ein Gesuch um Übernahme in die Württembergische Landeskirche 11) einzureichen. So wurde er am 4.September 1940 zunächst als unständiger Pfarrer in die Württembergische Landeskirche übernommen.

Pfarrstelle Knittlingen - 1940-1948

Pfarrer Winter begann im September 1940 seinen Dienst in Knittlingen bei Maulbronn, einem Landstädtchen mit 2100 Gemeindegliedern im Hauptort und dem Filialdorf Kleinvillars. Die Stadtpfarrstelle war verwaist. Der Vorgänger war gefallen. Im Oktober kam die Familie nach. Erika Winter hatte den Umzug allein mit dem Hausmädchen zusammen bewältigen müssen. Am 10. November 1940 fand der Einsetzungsgottesdienst statt. In seiner Vorstellung sagte Pfarrer Winter unter anderem: "..Nun wurde mir.. die Verwaltung der Pfarrstelle in der hiesigen Gemeinde übertragen, in der Landeskirche, innerhalb deren ich meine Ausbildung in Tübingen einst begonnen hatte und wo mir so entscheidendes für mein Amt mitgegeben worden war 1). So bin ich der rheinischen Kirche zwar noch verbunden, in der ich so lange Jahre gearbeitet habe und bin aus äußerlich rechtlichen Gründen von der rheinischen Kirchenbehörde noch nicht gelöst; ich stehe aber zugleich in der württembergischen Landeskirche und in dieser neuen Gemeinde, und habe den Wunsch und Willen, so Gott will, in ihr zu bleiben und zu verwurzeln, um der Gemeinde Knittlingen ... mit dem zu dienen, das unser einiger Trost im Leben und im Sterben ist: die Gnade Gottes in Jesus Christus, unserem Heiland..."

Die Familie lebte sich rasch in der von Landwirtschaft, Obst-, Wein- und Tabakanbau geprägten Umgebung ein. Da durch den Krieg viele Männer in der Landwirtschaft fehlten, die noch kaum durch den Einsatz von Maschinen ersetzt werden konnten, bot Friedrich Winter auch hier seine Hilfe an. Während der Heu- und Getreideernte ging er oft früh um 4 Uhr mit den Schnittern auf die Wiesen und ins Feld hinaus. Er war im Umgang mit der Sense vom Elternhaus aus geübt. Sicher gingen diese Hilfsdienste, die er als Teil seiner umfangreichen Gemeindearbeit ansah, oft an den Rand seiner Kräfte. 1942 wurde als viertes Kind die Tochter Hanna geboren. Sein "Hannele" war noch nicht ein Jahr alt, da kam seine Einberufung zur Wehrmacht (17.März 1943). Sie kam wie aus heiterem Himmel und völlig überraschend vor allem deshalb, weil er sich 1934 bereits hatte mustern lassen - er wollte seinen Wehrdienst ableisten - und dabei wegen eines Herzfehlers als nur beschränkt verwendungsfähig befunden worden war. Auf dringlichen ärztlichen Rat hin war er seitdem dann auch nicht mehr mit dem Fahrrad zum Dienst in die vier Filialdörfer gefahren sondern mit einem Leichtkraftrad.

Nun kam er zunächst zur Ausbildung nach Ulm/Donau und von dort noch 1943 mit einer Sanitätsfahrradabteilung nach Südfrankreich. Dieser Einsatz und die zwar relativ kurze aber sehr schikanöse Gefangenschaft von April bis September 1945 in einem amerikanischen Lager bei Heilbronn haben ihm gesundheitlich stark zugesetzt. Wie sich herausstellte, erfolgte die Einberufung auf Betreiben eines Denunzianten im Ort und war als weitere Repressalie für sein kritisches Verhalten in der Kölschhäuser Zeit zu werten. Nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft fing er mit der Arbeit unmittelbar darauf wieder an, in der inzwischen auf 2500 Gemeindeglieder angewachsenen Gemeinde. Mit Befremden und Erstaunen reagierte Friedrich Winter zu Beginn des Jahres 1946 auf die Sperrung seines bescheidenen Vermögens durch die Militärregierung wegen seiner Zugehörigkeit zur NSDAP von 1933 bis 1936. Dem Antrag auf Aufhebung der Sperrung wurde im Oktober 1946 stattgegeben. In der Begründung seines Antrags hatte er unter anderem angeführt: "Ich habe da, wo andere, auch solche, die niemals in der Partei waren, geschwiegen haben, öffentlich geredet. Ich habe schon 1938 öffentlich von dem gesprochen, was uns als Christen in Deutschland beschwere, und gesagt, daß die Schuld daran unser ganzes Volk mittrage. Ich habe durch diese ganze Stellungnahme Gefängnis, Ausweisung, dauernde Bespitzelung durch die Gestapo, Entlassung und finanzielle Nachteile zu ertragen gehabt."

Im November 1946 erfolgte die Ernennung des seitherigen Pfarrverwesers Lic. Friedrich Winter auf die Stadtpfarrstelle Knittlingen. Damit war er endgültig von der rheinischen Kirche gelöst, die erst wenige Monate zuvor die Rückgängigmachung seiner Entlassung und Versetzung in den Wartestand eingeleitet hatte. Pfarrer Winter blieb nur noch eine Frist von eineinhalb Jahren, um in der großen Gemeinde in der schwierigen Nachkriegszeit, in der so vieles aus den Fugen geraten war, zu wirken. Dabei setzte er sein gründliches theologisches Wissen, seine Erfahrung und Kräfte auch im Kreis der Amtsbrüder im Kirchenbezirk Maulbronn ein. Sein durch ein Herzleiden stark angeschlagener Gesundheitszustand zwang ihn zu Beginn des Jahres 1948, sich nach einer kleineren Pfarrstelle umzusehen. Die Trennung von Knittlingen fiel ihm und seiner Familie schwer. So sagte er rückblickend :"Wir sind mit dieser Gemeinde besonders verwachsen, weil wir ihr zu viel Dank verpflichtet sind; sie hat uns in der Notzeit mit viel Freundlichkeit aufgenommen, in der ganzen Zeit mein Amt und meine Arbeit mit viel Liebe und Fürbitte getragen und ist meiner Familie in der Zeit meines Fortseins in Krieg und Gefangenschaft ... mit viel Hilfsbereitschaft zur Seite gestanden."

Pfarrstelle Ottenhausen - 1948-1949

Die kleinere Gemeinde war Ottenhausen bei Pforzheim am Fuß des Nord- schwarzwalds gelegen, mit damals etwa 900 evangelischen Einwohnern. Den Umzug in den nur 30 km entfernten neuen Wohnort, musste Erika Winter wie siebeneinhalb Jahre zuvor schon allein bewältigen, um seine Kräfte zu schonen. Friedrich Winter versah die neue Stelle ab Mai 1948 zunächst als Pfarrverweser. Am 25.Juli fand seine Einsetzung als ständiger Pfarrer von Ottenhausen statt. Zunehmend unter Aufbietung seiner letzten immer rascher schwindenden Kräfte und unter immer größeren Einschränkungen tat Pfarrer Winter seinen Dienst in der Gemeinde. In der kurzen Zeit, die ihm für sein Wirken noch gegeben war, lernten ihn die Menschen dort schätzen und gewannen ihn lieb. Die Frauen und Männer, die im Frühjahr 1999 in Ottenhausen ihre Goldene Konfirmation feierten, hatte es stark beeindruckt,
wie Pfarrer Winter sie damals vom Krankenbett aus unterrichtet und seine Frau sie die gelernten Katechismusstücke 

abgefragt hatte. Seit dem Spätherbst 1948 konnte er keinen regulären Dienst mehr tun. Er nahm aber lebendigen Anteil an allem, was in der Gemeinde vorging. Auf den 1.April 1949 beantragte er seine vorzeitige Zurruhesetzung. Doch sollte er diesen Tag nicht mehr erleben. Für Friedrich Winter ging es noch durch eine schwere Leidenszeit, sie fiel in die Passionswochen. Da fehlte auch nicht die Frage nach dem Warum des so frühen Sterbenmüssens. Er hätte so gerne noch länger gelebt. Ein tiefes Anliegen war ihm, die Familie möge in Ottenhausen bleiben und hier ein eigenes Zuhause finden. Friedrich Winter starb am 28.März 1949 im Pfarrhaus Ottenhausen. Seine Frau durfte ihn auf diesem letzten und schwersten Wegstück seiner Lebenswanderschaft begleiten. Am 31.März 1949 wurde Pfarrer Friedrich Winter unter überwältigender Beteiligung der Einwohnerschaft Ottenhausens, vieler Gemeindeglieder aus Knittlingen und der Pfarrer und Pfarrfrauen des Kirchenbezirks Neuenbürg neben der Kirche auf dem Ottenhäuser Friedhof beigesetzt. An den Schluss seines Lebenslaufes bei seiner Investitur im Jahr zuvor hatte Friedrich Winter diese Bitte und dies biblische Bekenntnis gesetzt:

"Der ich in meinem Leben nichts anderes als Gottes Gnade und wunderbare Führung rühmen kann, bitte den Herrn, daß ich sie auch in dieser Gemeinde recht rühmen und bezeugen möge. Er, der gesagt hat: >Ohne mich könnt ihr nichts tun<, hat auch verheißen: >Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig<."

Text: Dietrich Winter

A N M E R K U N G E N
 

Ausbildungszeit
  1) Investiturgottesdienst am 10.11.1940
  2) Ebenda
  3) Diesen Titel gibt es heute nicht mehr. Er konnte nur in der theologischen Fakultät erworben werden
      und ist dem "Dr.theol." vergleichbar.


Pfarrstelle Kölschhausen

  1) Robert Steiner, Die Anfänge des Kirchenkampfes in der Synode Braunfels, 1979,
      Seite 154 Anm.123 Brief an Steiner.
  2) Autoritäres Führerprinzip sowohl im Aufbau einer einheitlich geprägten Deutschen  
      Evangelischen Kirche wie auch in der ein-zelnen Gemeinde.
  3) Sportpalastkundgebung der Deutschen Christen am 13.11.33 in Berlin: Diffamierung des
      Alten Testaments, heldische Jesusgestalt, statt an der Bibel ausgerichtete der deutschen
      Art gemäße Verkündigung u.a.m.
  4) Von Martin Niemöller im September 1933 gegründet auf die Verordnung hin, den
      Arierparagraphen auch auf Pfarrer und Kirchenbeamte auszudehnen.
  5) Da die offizielle Leitung der evangelischen Kirche im Rheinland von den DC Unterwandert
      (eine sogenannte "gestörte Kirche") war, erkannten die Bekenntnisgemeinden nur den
      Bruderrat der rheinischen Bekenntnissynode als Leitungsorgan und vorgesetzte Stelle an.
      Die Gottesdienstopfer wurden nur an die Bekenntniskirche überwiesen, während die
      offizielle Kirchenleitung die Steuern verwaltete und die Gehälter all der Pfarrer zahlte, die 
      von ihr einmal angestellt worden waren. Zur Entwicklung der bekennenden Gemeinden in
      der Braunfelser Synode schreibt Robert Steiner, S.79f: "Aufs Ganze gesehen war die
      Bewegung gegen die Irrlehre der Deutschen Christen und gegen die Gewaltmaßnahmen
      des von ihnen getragenen Kirchenregiments bis zum Januar 1934 die Sache der
      Kirchenführer und der Pfarrer gewesen. Den bekennenden Pfarrern aber wurde es
      geschenkt - das kann nur als ein Gnadengeschenk Gottes angesehen werden - in den
      Gemeinden einen tiefgehenden Widerhall und eine nicht erwartete Bekenntnisfreudigkeit
      zu finden. So entstanden im Winter 1933/34 vor allem im Ruhrgebiet und in Wuppertal
      aber bald auch am ganzen Niederrhein und in Westfalen bekennende Gemeinden "Unter
      dem Wort". Es ist nicht verwunderlich, daß im Solmser Land die Bewegung langsamer vor
      sich ging. Zunächst standen die Pfarrer allein, dann standen auch die Presbyterien fast
      alle auf ihrer Seite ... Es ging langsam. Das ist nicht zu bedauern.  Aber es ging stetig ein
      Stückchen vorwärts."
  6) Die Barmer Theologische Erklärung steht im Anhang des Evangelischen Gesangbuches.
  7) Beschluß des Parteigerichts der NSDAP vom 17.April 1936
  8) Vortrag vom 13.11.1938
  9) Bußtagspredigt vom 16.11.1938
10) Einspruch gegen den Haftbefehl 24./25.11.1938
11) Erklärung vom 22.12.1938
12) Beschluß des Landgerichts Frankfurt/Main vom 23.12.1938
13) So lautete damals die offizielle Bezeichnung des Leitungsorgans der rheinischen Kirche.
14a und 14b) Zwei Briefe von Pastor D. Paul Humburg, Bruderrat der
      evgl.Bekenntnissynode im Rheinland. (siehe Anlage)
15) Schreiben des Presbyteriums der Kirchengemeinde Kölschhausen an das evangelische
      Konsistorium der Rheinprovinz. (siehe Anlage)
16) Schreiben Friedrich Winters an seinen Rechtsanwalt Dr.Schulze zur Wiesche vom 5.3.1939.
      (siehe Anlage)
17) Ausweisungsverfügung vom 8.3.1939. (siehe Anlage)
18) Abschiedsbrief Pfarrer Winters an die Kölschhäuser Gemeinde. (siehe Anlage)


Die Zeit der "Wanderschaft"
  1) Investitur in Knittlingen 1940
  2) Heute Köllerbach (Ortsteil von Püttlingen bei Saarbrücken)
  3) Schreiben d. evangelischen Konsistoriums der Rheinprovinz vom 2.5.1939. (siehe Anlage)
  4) Schreiben Friedrich Winters an das Konsistorium vom 11.5.1939 (siehe Anlage; die Form
      der Absenderangabe, die bei keinem andern Brief Pfarrer Winters so umfassend ist, verrät
      etwas von seiner Verärgerung über Form und Inhalt des Schreibens der Kirchenleitung
      v.2.5.39)
  5) Schreiben Friedrich Winters an das Konsistorium vom 7.7.39. (siehe Anlage)
  6) Inhalt eines Schreibens des Regierungspräsidenten, das Friedrich Winter auf dem
      Dienstweg üb. Konsistorium und Superintendentur erreichte (21.3.1939). (siehe Anlage)
  7) Beschluß der II.Strafkammer des Landgerichts in Limburg auf Grund eines
      Amnestieerlasses vom 9.9.1939 (siehe Anlage)
  8) Schreiben Friedrich Winters an das Reichsministerium für kirchlchliche Angelegenheiten
      vom 6.11.39 (?). Das Konsistorium informierte er davon unter Beifügung des Ger.
      Beschlusses über die Einstellung des Verfahrens gegen ihn.
  9) Schreiben des Reichsministers für kirchl. Angelegenheiten vom 27.3.1940. (siehe Anlage)
10) Brief Friedrich Winters an Pfr. Beckmann vom 11.5.1939. (siehe Anlage)
11) Die württembergische Landeskirche war als eine der sogenannten "intakten" Kirchen nicht        von den Deutschen Christen unterwandert und hatte bis dahin schon mehr als zehn
      allerdings vorher noch nicht angestellt gewesene junge Theologen aus anderen
      Landeskirchen übernommen.


Pfarrstelle Knittlingen
 
1) Gemeint ist die Studienzeit in Tübingen (siehe Abschnitt "Ausbildungszeit")

Evangelische Kirchengemeinde Kölschhausen  -  Email: info@kirchengemeinde-koelschhausen.de

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