Welch merkwürdige Frage, werden Sie sicher denken. Jeder freut sich doch, wenn er etwas geschenkt bekommt, oder? Na ja, der gelb-lila Häkelschal von meiner Oma war damals wirklich nicht der Hit. Meine Mutter hatte ihn in einer Schublade versteckt und holte ihn nur hervor, wenn ihre Mutter zu Besuch kam. Aber sie traute sich nicht, ihn in den Müll zu werfen, schließlich war es ein Geschenk - und noch dazu selbstgemacht. Geschenke waren bei uns heilig - mir fällt es heute noch schwer, etwas wegzuwerfen, wenn es ein Geschenk war, auch wenn dieses Geschenk noch so scheußlich oder unpassend ist. Vielleicht ist das ja bei Ihnen auch so. Aber warum? Ich denke, das liegt daran, dass der Schenker mit seinem Geschenk immer ein bisschen von sich selbst mit schenkt. Und wir haben das Gefühl, wenn wir das Geschenk ablehnen, dann lehnen wir den Schenker selber ab. Und oftmals trifft das genau mit dem Gefühl des Schenkers überein. Auch ich bin enttäuscht, wenn ein Geschenk von mir, bei dem ich mir viel Mühe und Gedanken gemacht habe, bei meinem

mögen Sie Geschenke?

                    ihre Pastorin        
Dagmar Krauth-Zirkt

Gegenüber nicht ankommt. Aber warum machen wir überhaupt Geschenke? In der Frühzeit der Menschheit und auch bei vielen Tierarten dienen Geschenke dazu, mein Gegenüber (den Fremden, den Feind, den Überlegenen, einen potenziellen Partner) zu beschwichtigen, gnädig zu stimmen oder zu beeindrucken. Er oder sie soll mich mögen oder mir zumindest dahingehend vertrauen, dass ich ihm nichts Böses will. Auch heute noch werden aus solchen Anlässen Geschenke gemacht - auch wenn sie heute, wie bei Staatsbesuchen nur noch einen rituellen Charakter haben. Aber normalerweise schenken wir heute jemandem etwas, weil wir ihn oder sie mögen und ihm oder ihr eine Freude machen wollen. Ich freue mich, wenn ich ein Geschenk bekomme, ich freue mich aber auch, wenn ich etwas schenken darf. Was aber, wenn das nicht geht? Letztens besuchte ich Frau K. aus B. Sie ist bereits 95 Jahre alt. Ihr einziger Sohn und Enkel wohnen in Karlsruhe. Alle anderen Verwandte, ihr Ehemann und gleichaltrige Verwandte sind bereits seit langem gestorben. Sie ist sehr allein, obwohl sie sich bemüht in der Gemeinde Fuß zu fassen und zu verschiedenen Veranstaltungen geht. Aber das ist etwas anderes, als Freundinnen zu haben, die einen besuchen. Als ich wieder gehen musste, da wollte sie mir unbedingt etwas schenken. Ich meinte, das wäre nicht nötig, aber da war sie anderer Ansicht: „Wissen Sie“, sagte sie, „ich hab doch sonst niemanden, dem ich etwas schenken kann. Sie können das vielleicht nicht verstehen…“ Also verabredete ich mich mit ihr eine Woche später zu einer bestimmten Uhrzeit, damit sie mir einen Kuchen backen kann. Ich brauche diesen Kuchen nicht. Aber sie braucht es, für mich diese Mühe in Kauf zu nehmen. Doch, ich verstehe Frau K. Nur immer empfangen zu müssen, aber selber nichts geben zu dürfen. Keinen zu haben, dem man eine Freude machen kann. Das ist traurig, denn wir Menschen sind nicht nur darauf angelegt zu empfangen, sondern auch zu geben. Wer immer nur gibt oder geben muss, der wird irgendwann leer und ausgebrannt sein. Wer aber nicht geben darf oder kann, obwohl er viel zu geben hat, der wird traurig und depressiv. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, ist es noch August. Kaum einer denkt da schon an Weihnachten. Das Fest der Geburt Jesu. Aber auch das Fest der Geschenke. Seit vielen Jahren überlegen mein Mann und ich: „Was soll das mit der ganzen Schenkerei? Wir haben doch alle genug und stapeln unsere Sachen schon. Dieses Jahr schenken wir uns und anderen nichts.“ Ich kenne Menschen, die das geschafft haben. Wir schaffen das nicht. Wir schenken uns gegenseitig etwas, wir schenken den Familienmitgliedern etwas und auch unseren Freunden. Und oft schaffe ich es, damit ein glückliches Lächeln auf das Gesicht eines Menschen zu zaubern. Das macht auch mich glücklich. Und umgekehrt? Ich freue mich über eine schöne Karte mit lieben und intimen Worten darauf mehr als über den 20. Kerzenständer oder die 1000ste Flasche Wein. Ich liebe den Gedanken, der hinter dem Geschenk steht: Da ist einer, der mich mag, dem ich wichtig bin und der mir eine Freude machen will. Auch das macht mich glücklich. Natürlich können wir auch ohne Geschenke zu bekommen oder zu verschenken, glücklich sein. Aber sie erleichtern und verschönern das Miteinander. Es gibt aber ein Geschenk, das ich nie wegwerfen würde. Das mir kein Mensch geschenkt hat. Das ich immer dankbar in Händen halten werde. Das ist mein Leben. Gott hat es mir geschenkt. Und ich werde es hüten und pflegen mein Leben lang. Gott hat mir seinen Lebensgeist gemacht, mich zu seinem Geschöpf und Menschen gemacht. Das ist ein wunderbares Geschenk. Und noch schöner ist es, dass Gott mir versprochen hat, dass mein Leben nicht zu Ende sein wird, dass er mir die Ewigkeit versprochen hat. Das kann keiner toppen. Und was Sie und ich uns auch merken sollten: Ihr Leben, mein Leben ist auch ein Geschenk für andere, für alle, mit denen ich lebe. Wenn ich das weiß, dass ich selber ein Geschenk bin, dann möchte ich natürlich anderen eine Freude machen – mit meinem Handeln, mit meinen Worten und Gesten, mit meinem Da-Sein. Liebe Gemeinde, Weihnachten kommt jedes Jahr wieder. Und wenn Ihnen kein Geschenk einfällt, dann verschenken Sie sich doch selbst.
 

Evangelische Kirchengemeinde Kölschhausen  -  Email: info@kirchengemeinde-koelschhausen.de

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