Liebe Gemeinde!
Viele Millionen Menschen, nicht nur katholische Christen, hat in diesem Jahr der Rücktritt von Papst Benedikt, dem XVI, bewegt. Und ebenso viele werden mit Spannung die Wahl seines Nachfolgers erwarten. Die Diskussionen über „die Kirche“ beherrschen zur Zeit die Medien. Aber was geht uns evangelische Christen der Papst an? „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ (Mt 16, 18+19). Diese Worte Jesu sind in der Geschichte des christlichen Abendlandes ungeheuer folgenreich gewesen. Der Bischof von Rom, auch Papst genannt, hat sich auf diese Worte berufen. Petrus ist, nach urchristlicher Überlieferung, in Rom den Märtyrertod gestorben. Seine Gebeine sollen unter dem

Petrus

Petersdom ruhen. Der Bischof von Rom hat sich von daher immer in einer besonderen Beziehung zu diesem Jünger Jesu gesehen, ja, er hat sich als seinen Nachfolger verstanden und seine besondere Stellung als Oberhaupt der Christenheit nicht zuletzt auf diese Zusage Jesu gegründet: „Petrus, du bist der Fels, auf den ich meine Gemeinde bauen will.“´Was haben wir eigentlich als Evangelische mit dem Papst zu tun? Hat Luther ihn nicht als „Antichrist“ bezeichnet? Ist die Frage nach dem Papstamt damit für uns nicht erledigt? Auf dem ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin im Jahr 2003 war die Frage nach dem so genannten „Petrusdienst“ eine der zentralen Fragen. „Petrusdienst“ meint: Es gibt nur eine Kirche. Und es gibt ein Amt, das die eine weltweite Christenheit repräsentiert und zusammenhält. Haben sich die Päpste zu Recht auf dieses Wort Jesu berufen: „Du bist der Fels!?“ Kann das real existierende Papstamt diesen Dienst der Einheit leisten? Ist das Papstamt, so wie es sich im Laufe der Jahrhunderte herausgebildet hat, nicht eher ein Grund für Spaltungen in der Kirche gewesen, der Spaltung von katholischer und orthodoxer Kirche vor etwa 1000 Jahren, der Abspaltung der reformatorischen Kirchen vor etwa 500 Jahren? Andererseits: Braucht die eine weltweite Christenheit nicht einen Sprecher, der die Einheit der einen Kirche symbolisiert? Wie könnte ein solcher Petrusdienst aussehen, der dem Evangelium in der Welt dient? „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben!“ Wie viel Elend hat die Kirche über die Welt gebracht durch Menschen, die sich auf diese Vollmachten berufen haben, und dabei oft genug über Leichen gegangen sind! Das gehört auch zur Geschichte des Christentums. Wem solche Vollmachten gegeben sind, steht in der Gefahr sie zu missbrauchen. Es ist ein gefährliches Amt, dieses Petrusamt. Schauen wir noch einmal genauer hin! Wer ist das eigentlich, dem hier eine so große Verantwortung mitgegeben wird? Wer ist Petrus? Er ist eine sehr ambivalente Gestalt. Er hat den Herrn dreimal verleugnet. Gleichzeitig tritt er hier, wie an manchen anderen Stellen auch als Sprecher des Jüngerkreises hervor. Aber er ist niemals isoliert von den anderen. An anderen Stellen des Neuen Testaments treten andere Jünger in die erste Reihe. Den ersten Aposteln insgesamt wird hier eine Verantwortung gegeben. Sie sind die ersten, die an Jesus Christus geglaubt haben. Sie sind der Anfang der Kirche. Sie sind als Gesamtheit die Basis, auf der Jesus seine Kirche aufbauen will. Nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes und in der kirchlichen Tradition der ersten Jahrhunderte wird die Kirche kollegial geleitet, nicht durch eine Person allein. In der Kirchenordnung unserer Kirche hat sich das auf allen Ebenen niedergeschlagen. Die Kirchengemeinde wird nicht von einer Person allein geleitet, sondern von einem Kollektivorgan, dem Presbyterium. Selbiges gilt für die mittlere Ebene des Kirchenkreises, genauso wie für die Landeskirche. Außerdem: Von Nachfolgern des Petrus, von Nachfolgern der Apostel spricht Jesus nicht. Die besondere Aufgabe, die die ersten Jünger hatten als diejenigen, die noch mit Jesus gelebt hatten, diese besondere Rolle kann nicht an andere mögliche Nachfolger übertragen werden, schon gar nicht an einzelne, auch nicht an den Bischof von Rom. Es bleibt aber die Anfrage unserer römisch-katholischen Brüder und Schwestern: Es gibt letztlich nur eine Kirche, weil Christus nur einen Leib hat. Braucht es nicht ein Amt, das diese Einheit repräsentiert? Braucht es nicht ein Amt, das die eine weltweite Kirche zusammen hält? Ist das nicht gerade im Zeitalter der Medien umso nötiger? Institutionen brauchen Gesichter, mit denen sich Menschen identifizieren können. Wie sieht es bei uns Evangelischen aus? Immer wieder Spaltungen! Immer wieder neue Kirchen und Kirchlein! Weil du nicht die rechte Lehre hast, will ich keine Gemeinschaft mehr mit dir haben und mache meine eigene Kirche auf! Die Geschichte des Protestantismus sah oft genug so aus. Gerade auch in unserer Region lässt sich das gut zeigen. Und dennoch werden wir Evangelischen uns nicht mit einem Amt anfreunden können, das so, wie es nun schon seit langer Zeit ausgeübt wird, das Recht hat bis in die letzte Gemeinde hineinzuregieren, das oft genug meint auf die Gewissensentscheidungen der einzelnen Gläubigen keine Rücksicht nehmen zu müssen. Wir meinen, dass dieses Amt der Einheit, so wie es seit langer Zeit vom Bischof in Rom ausgeübt wird, nicht dem Plan Jesu mit seiner Kirche entspricht. Aber wer kann dann den Dienst der Einheit tun, den Petrusdienst? Es bleibt ja wahr: Es gibt nur einen Heiligen Geist, es gibt nur einen Leib Christi, es gibt nur eine Kirche, so wie wir es im Apostolischen Glaubensbekenntnis jeden Sonntag miteinander sprechen:
„Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen.“ Diese Wahrheit ist im Protestantismus immer wieder an den Rand geraten. Das Gespräch mit den römisch-katholischen Brüdern und Schwestern muss weitergehen. Denn die Spaltung der Kirche widerspricht dem Willen Christi. Sein Leib ist verletzt, seit Jahrhunderten schon. Und auch wir als Evangelische tragen unseren Teil an Mitverantwortung daran. Darum lasst uns in diesen Tagen beten für die Einheit der Kirche(n)!

Eine hoffnungsvolle Osterzeit wünscht
Ihnen Ihre Pastorin
Dagmar Krauth-Zirk
 

Evangelische Kirchengemeinde Kölschhausen  -  Email: info@kirchengemeinde-koelschhausen.de

evangelische
kirchengemeinde
kölschhausen