„Davon träumst Du doch!“ sagt mein  Mann und grinst. Er grinst, weil es  so unwahrscheinlich, so unerreichbar  ist, das ‚Sofort’ aus den normalen  Abläufen zu verbannen. Das fängt am  frühen Morgen an – manchmal noch  in der Nacht: „Mama, wo ist mein  Schnulli?! Ich hab Hunger! Kannst Du  mir noch Wasser einschütten?“ Zieht  sich durch den ganzen Tag bis zum  Abend: „Wo ist mein Schlafanzug?  Können wir noch ein Spiel spielen?  Hast Du noch nicht aufgegessen?“  Harmlose Beispiele aus unserer derzeitigen  Lebenssituation. Aber es ist  ja auch überall sonst so. Ich habe  zunehmend das Gefühl, dass die  Menschen, denen ich begegne, unter  einem ungeheuren Druck stehen. Dies  noch, das noch, funktionieren, Haus  abbezahlen, Familie versorgen, erfolgreich,  effizient zu Hause und auf der  Arbeit. ‚Bis wann muss das fertig?’  ‚Gestern!’  Gott schuf die Zeit, von Eile hat er  nichts gesagt. Die Zeile aus dem Lied 

                           
Tanja Kamp-Erhardt

Sieben Wochen ohne Sofort

‚Zeit ist Gnade’ klingt mir noch im  Ohr. Wie kann das, Zeit als Gottes  Gnade wahrzunehmen, in unserem  Leben Raum nehmen? Vielleicht, wenn  wir versuchen, es einzuüben: Immer  wenn wir merken, da stresst jemand,  erstmal durchatmen. „Mooo- ment  mal!“ machte das einmal eine Freundin  vor und strich sich bei dem langen  „OOO“ mit den Händen über die Wangen.  Das hilft, Zeit zu gewinnen. Man  muss nicht sofort reagieren, sondern  erst dann.  Und wenn ich merke, dass ich andere  stresse? Auch dann hilft nur das Zurücktreten.  Muss doch nicht sofort und  vielleicht auch dann nicht gleich. Vielleicht  hilft da auch die Vernunft, denn  mal ganz ehrlich, was muss denn  schon wirklich sofort erledigt werden?  Wenn es um Leben und Tod geht, ja.  Aber sonst?!  Ich glaube, es ist eine Typfrage, ob  uns mehr die Ansprüche der anderen  an uns oder unsere Ansprüche an andere  stressen. Tatsache ist wohl, dass  wir die Dringlichkeit der Dinge häufig  zu hoch ansetzen. Ein Sofort gelten  lassen, obwohl es gut wäre, noch einen  Moooment zu warten, zu Atem zu  kommen und dann zu handeln.  Ich bin gespannt auf die sieben  Wochen zwischen Aschermittwoch  und Ostersonntag und darauf, ob ich  wohl ab und zu jemanden sehe, der  sich mit den Händen über die Wangen  streicht: Mooo-ment mal! Vielleicht ist  es ja doch nicht so unwahrscheinlich  und unerreichbar, das Sofort etwas  auf Abstand zu halten. Dann jedenfalls  würde uns Ruhe bleiben. Ruhe füreinander  und für Gott. 

 

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